Neonazistische Aktivitäten im Emsland

Am 06.04.2011 veröffentlichte das niedersächsische „Ministerium für Inneres und Sport“ den Verfassungsschutzbericht 2010 für das Land Niedersachsen. In diesem Bericht wird über sogenannten „Rechts-“ und „Linksextremismus“, aber auch über „Ausländerextremismus“ berichtet.

Die Grafschaft Bentheim im Verfassungsschutzbericht

Der Bericht des niedersächsischen Innenministeriums besagt unter anderem, dass im Jahr 2010 fünf Rechtsrockkonzerte in Niedersachsen stattgefunden haben. Eines davon in Nordhorn Anfang des Jahres.

Am 23. Januar fand in einer Halle in einem Industriegebiet in Nordhorn ein als Geburtstagsfeier getarntes Skinhead-Konzert statt. Vor ca. 100 Besuchern spielten die Bands „Strafmass“ (Bremen), „Endless Pride“(Schweden), „Extressiv“ (Nordrhein-Westfalen), „Weisse Wölfe“ (Nordrhein-Westfalen) und „Bloodline“ (Thüringen).

Das Emsland im Verfassungsschutzbericht

Ebenso wird berichtet, dass das Emsland einen Schwerpunkt neonazistischer Aktivitäten darstellt. Leider wird dabei nicht darauf eingegangen, in welchen Städten oder Regionen die Nazis dort besonders aktiv sein sollen.

Als weitere Schwerpunkte neonazistischer Aktivitäten sind die Bereiche Braunschweig, Buchholz i. d. Nordheide, Einbeck/Northeim, das Emsland, die Harzregion und Ostfriesland zu nennen.

Wie auch in den Verfassungsschutzberichten aus den Vorjahren wird wieder auf niedersächsische Neonazibands eingegangen. Die dabei wohl wichtigste ist die Band „Stahlgewitter“ aus dem emsländischen Meppen. Insbesondere wird dabei auf den Sänger der Band, Daniel „Gigi“ Giese, eingegangen. „Gigi“ ist und war nicht nur bei „Stahlgewitter“ aktiv, sondern auch bei den Bands „Saccara“, „In Tyrannos“, „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ und „Kahlkopf“. In Szenekreisen wird kolportiert, dass „Gigi“ ebenfalls Sänger der Band „Zillertaler Türkenjäger“ war. Allerdings konnte ihm das nie nachgewiesen werden. Gerade die Gruppe „Stahlgewitter“, in der neben Daniel Giese laut VS-Bericht auch sein Bruder Tobias spielen soll, ist auch über die Grenzen Deutschlands bekannt und innerhalb der Naziszene sehr beliebt.


Daniel „Gigi“ Giese (links) neben einem weiteren Meppener Neonazi auf einem Naziaufmarsch in Stolberg 2008


„Gigi“ bei einem Auftritt seiner Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“

Der VS-Bericht besagt weiterhin, dass im emsländischen Lingen ein Nazi-Versand beheimatet ist. Bei diesem Versand handelt es sich um „Das Zeughaus“. Inhaber des Unternehmens ist der bundesweit bekannte Neonazi-Aktivist Jens Ulrich Hessler. Schon zuvor war Hessler Inhaber des in Lingen ansässigen „Nibelungen Versandes“, welcher dem mittlerweile verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerk zugerechnet wurde. Zwischenzeitlich wohnte Hessler auf Mallorca, ist aber gerüchteweise wieder nach Lingen zurückgekehrt.
Das Sortiment des „Zeughauses“ ist indes sehr begrenzt. Angeboten werden fast ausschließlich Merchandise-Artikel von Bands, in denen Daniel „Gigi“ Giese mitgewirkt hat, so z.B. „Stahlgewitter“-Shirts für 14,88 Euro.

Neonazistische Aktivitäten im Emsland

Bei einem Blick auf die Kriminalstatistiken, die der niedersächsische Landtag nach Anfragen von Abgeordneten veröffentlichte, fällt auf, dass die von Neonazis begangenen Straftaten im Jahre 2010 im Emsland deutlich massiver auftraten als in der Grafschaft Bentheim.
Natürlich ist davon auszugehen, dass längst nicht alle Straftaten bei der Polizei registriert oder als politisch motivierte Tat verzeichnet wurden. Dennoch spiegelt diese Statistik einen Trend wider: Die Neonazis im Emsland agieren zunehmend aggressiver.


Neonazistische Straftaten im Emsland, aufgeteilt in Quartale

In Haselünne ist beispielsweise zu beobachten, dass sich dort immer wieder Neonazis in sogenannten „Freien Kameradschaften“ zu organisieren versuchen. Auch wenn diese in der Regel nur über einen kurzen Zeitraum hinweg aktiv sind, ist dort zumindest Potential vorhanden. Vor einigen Jahren gab es dort die „AG Wiking Emsland“, einem Ableger einer neonazistischen Kameradschaft aus Wilhelmshaven. Wenig später folgte die Gründung der „Freien Kräfte Emsland“, welche sich aus demselben Personenkreis rekrutierten. Ebenfalls gab es in den „Kameradschaften“ personelle Überschneidungen zum lokalen NPD-Unterbezirk.

Eine „Freie Kameradschaft“ gibt es auch in Lingen. Dort treten die Nazis offen mit Pullovern und T-Shirts mit der Aufschrift „Kameradschaft Emsland“ auf. Neonazis, die sich vor Gericht verantworten müssen, werden durch viele andere „Kameraden“ unterstützt, so wie z.B. vor einigen Monaten vorm Amtsgericht Lingen. Dabei soll eine Drohkulisse gegenüber Zeug_Innen, die vor Gericht gegen die Nazis aussagen müssen/wollen, aufgebaut werden. Eine Drohkulisse, die auch außerhalb des Gerichtssaals aufrecht erhalten werden soll. So wurden bereits mehrmals vermeintliche Zeug_innen im Vorfeld von Gerichtsprozessen von beteiligten Neofaschist_Innen eingeschüchtert und bedroht.

Eine wichtige Bezugsperson für die Lingener Naziszene ist der Pommesbudenbesitzer Peter K. K. besuchte am 18.04.2011 zusammen mit anderen Nazis eine Gründungsveranstaltung der „Grünen Jugend Lingen“ in der Kneipe „Koschinski“. Die Nazis machten dort Fotos der anwesenden jungen Grünen und versuchten, diese einzuschüchtern.


Peter K. (links) auf einer privaten Naziparty; Bild von indymedia.linksunten

Inwieweit sich die neonazistischen Strukturen im Emsland weiter entfalten können, bleibt abzuwarten. Wir werden die Neonaziszene jedoch beobachten, darüber berichten und Gegenaktionen starten.